Übersicht, und Downloads.

Alfred Wankdorf hat ein Problem: Er halluziniert. Aber er ist sich nicht so sicher, ob dahinter mehr als eine Psychose steckt. Robert, eine seiner „Stimmen“, macht ihm die Sache nicht einfacher, als er in kuriosem Aufzug zum Lehrer mutiert. Und Alfred muss sich fragen: Mord, Heirat oder Wahnsinn?

„Der Wecker“ entstand im Jahr 2004. Schon früh spielte ich mit dem Gedanken einer Internet-Veröffentlichung; mangels passender Software vertagte ich das Projekt. WordPress bietet mittlerweile einen großen Teil der Funktionalität, die ich mir vor 8 Jahren gewünscht hätte. Ergo …

Dennoch ist mir klar, dass viele Leser die Geschichte lieber am Stück, nun ja, lesen. Entsprechend hier zwei Download-Möglichkeiten für den kompletten Roman:

ePub. Danke an Joe Stalder für die Konvertierung!

PDF.

Und falls wer meint, das müsse monetär belohnt werden: Bitteschön.


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Epilog.

„Das war toll!“ quiekte die Rothaarige. Sie hatte an Gewicht zugelegt, was ihr Kleid etwas strapazierte. Ein Knopf des vormals zu weiten Korsetts löste sich mit einem „Pling“, flog einige Meter weit und rutschte über den karierten Marmorboden.

„Das offene Ende war affig. Ich hasse offene Enden“, sagte ein Mann mit dichter Gesichtsbehaarung. Er trug seinen Mittelscheitel nicht über, sondern auf der Stirn.

„Ja. Aber es hat SPASS gemacht! Oder wollen Sie lieber weiter Pseudo-Schach spielen?“ gab die Rothaarige zurück.

Der Scheich, Nye, trat in die Runde, in einem orientalisch-anmutenden Gewand. Es schimmerte wie Seide, aber die wirr aufgedruckten Symbole bewegten sich unabhängig vom Gewebe, so dass der Abaya wie ein Kleid aus gefärbtem Wasser von seinen Schultern hing. Nye zog, wie immer, alle Blicke auf sich. Die Blicke waren heute … hungrig.

„Und? Wie lautet Ihr Fazit?“

Nye blieb still. Er sippte an einem Drink, die Gruppe erkannte keine Regung, keine Meinung. Unruhe machte sich breit.

„Und? Was?“ fragte der Stark-Behaarte wieder.

Nye seufzte, einen Moment lang flackerte er wie ein schlechtes Fernsehbild. Dann fasste er sich. Er konnte nicht zugeben, dass er mit dem Ergebnis unzufrieden war. Er konnte seinen Schützlingen nicht sagen, dass Wächter, Schlüssel und Tor zurückgekehrt waren. Das würde das weitere Spiel, und damit die Ordnung der Welt, in den Grundfesten erschüttern. Verflucht seist du Robert, oder Alfred, oder wer auch immer! Nye musste improvisieren; etwas, das er seit Jahrtausenden nicht mehr getan hatte. Aber dann verstand er.

Er blickte hoch, und die Gruppe schreckte zurück. Würde er lächeln?

Nye lächelte nicht. Er grinste. Und in seinen Augen tanzten die Sternenseelen den ewigen Tanz, und mit ihnen ein neuer Stern. Die Gruppe applaudierte und goss sich Sekt ein. Oder das, was sie für Sekt hielten.

 

Fin.

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Kapitel 25, dritte Iteration.

Wortlos verließ ich den Raum, um in der Küche nach einem Utensil für meine Absichten zu suchen. Schnell wurde ich fündig, das japanische Gemüsemesser erschien mir angebracht. Ich ging zurück ins Wohnzimmer, wo Stephan sich bereits erhoben hatte. Er nickte mir still zu, dann kniete er sich hin.

Ich tat es ihm gleich, das Messer lag zwischen uns. Ich blickte ihn fragend an. Die Szene kam mir bekannt vor, aber ich wusste nicht, woher oder weshalb.

Egal.

„Was soll ich tun?“

„Du weißt es, Alfred.“

Ich dachte über seine Worte nach. Marriage, Murder, Madness? Was sollte es sein? Sollte ich Stephan töten, oder sollte ich mich selbst umbringen? Weshalb sonst hatte ich das Messer geholt?

Robert blieb stumm.

Dann erinnerte ich mich an meinen letzten Traum. Diese Geborgenheit, diese Zugehörigkeit … hatte ich die beiden Dinge vielleicht schon immer in meiner Brust? War ich fähig, mich in die schwarze Umarmung der Anderen fallen zu lassen? Die drei beschissenen M einfach nur beschissene Buchstaben sein zu lassen?

Robert schwieg noch immer, aber ich spürte, wie er aufmerksam meinen Gedanken lauschte.

Egal.

Stephan unterbrach mein Grübeln. „Es ist nicht so schwer, wie du glauben magst. Einfacher, als das Meditieren zu erlernen. Einfacher, als jemanden zu ermorden. Einfacher, als sich selbst zu töten. Stell es dir wie einen Schalter vor, den du in deinem Kopf umlegen musst. Das ist alles.“

Ich konnte mit Stephans Worten nicht viel anfangen, aber sie hatten dennoch etwas in meinem Kopf bewirkt. Er kniete vor mir, und sein fettiges Haar hob sich, als würde er unter Strom stehen. Und tatsächlich, kleine Blitze spielten zwischen den einzelnen Strähnen und seine Augen knisterten. Es roch nach Ozon.

Ich spürte, wie auch ich unter Strom stand. Die Spannung schien durch meinen Körper zu kriechen, meine Arme und Beine entlang, über meine Kopfhaut. Und sie hatten ein Ziel. Die Spannung verdichtete sich unterhalb meines Brustkorbes. Solarplexus nannte man das doch, oder? Ein wichtiges Nervenzentrum? Wichtig sowohl für Körper als auch Geist? Da hatte ich doch mal ein Manuskript auf dem Tisch liegen gehabt …

Egal.

Das japanische Gemüsemesser vor mir verflüssigte sich und versickerte zwischen den Dielenbrettern. Ich lachte auf. Die Wände um uns herum lebten; die Farbe floss aus der Tapete und bildete Pfützen auf dem Boden. Ranken wuchsen aus der Masse, unglaublich schnell. Sie tasteten sich vor, wollten den gesamten Raum erfahren. Aber um Stephan machten sie einen großen Bogen. Einen zu großen Bogen?

Egal!

Die Spannung in meinem Inneren wurde immer größer. Die farbigen Ranken erreichten meine Knie. Ein Tentakel, himmelblau und zartrosa zugleich, hob sich und berührte sanft meine Stirn.

Dann, eine Explosion. Ein Feuerwerk im Kopf, ich sah alle Farben des Spektrums und spürte, wie sich diese Farben aus meinen Ohren, aus der Nase, aus meinem After, den Tränendrüsen und meinem Penis drückten, um sich mit dem tapetenfarbenen Gewächs zu vereinigen. Der Geruch nach Ozon wich einem anderen, süßlichen Duft, und ich fühlte mich, als wäre ich in wohlriechende Wolle eingehüllt. Ich hörte Flötenspiel und ein Trommeln und Blöken, wie von einer Herde Ziegen ohne Rhythmusgefühl. Stephan verschwamm, nur seine Augen blieben klar, schwarz und funkelnd. Und ich war mir sicher, dass er, ich, alles um mich herum nur in meinem Kopf existierten, dass die materielle Realität nichts anderes als ein Traum war.

Ich brach in schallendes Gelächter aus. Ich lachte und lachte, Tränen standen in meinen Augen, als ich mich selbst in Zweifel zog und merkte, dass bis auf den Kern, bis auf das Aleph, nichts von Belang war, nichts real war. Ich erinnerte mich an meine Freitags-Halluzination und wusste, dass es nur eine Frage des Glaubens war, des Akzeptierens, was ich daraus machte. Wie ich damit umgehen sollte. Mein Lachen verstummte und wich einem sanften Lächeln. Dann wurde es schwarz vor meinen Augen und ich hörte auf, Alfred Wankdorf zu sein.

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Kapitel 25, zweite Iteration.

Wortlos verließ ich den Raum, um in der Küche nach einem Utensil für meine Absichten zu suchen. Schnell wurde ich fündig, das japanische Gemüsemesser erschien mir angebracht. Ich ging zurück ins Wohnzimmer, wo Stephan sich bereits erhoben hatte. Er nickte mir still zu, dann kniete er sich hin.

Weshalb war er so passiv? WOLLTE er etwa sterben? Gab er sich die Schuld für meine Situation und wollte so Buße tun?

Egal.

Ich stand über Stephan und zögerte. Meine Hände zitterten, Schweiß stand auf meiner Stirn. Mein Atem ging schnell und flach, und die ganze Wohnung zitterte mit meinen Händen mit. Ich sah Stephan nur noch verschwommen, ein kniendes Etwas vor mir, eine wabernde Masse. Ein graues, gesichtsloses Ding.

Stephan lächelte, als ich ihm das Messer in den Hals stieß. Ich zog das Messer zurück, das Blut schoss in einer perfekten Illustration des schiefen Wurfs aus der Wunde, klatschte gegen die Wand. Stephan hob den Kopf. Seine Augen waren unfokussiert, aber das Lächeln lag noch immer auf seinen Lippen. Ich stieß wieder zu.

Und wieder.

Und wieder.

Das Lächeln musste weg, weg!

Ich glaube, nach dem vierzehnten oder fünfzehnten Stich fing ich an zu lachen. Jedenfalls verzerrte ein Grinsen mein Gesicht, als ich Blutspritzer aus meinen Augen blinzelte. Und ich stieß Stephan in die Brust, drehte das Messer mit einem schmatzenden Geräusch um. Ich glaubte, vor meinen Augen einen Aal zu sehen, der sich aus Stephans Mund zwängte. Ich packte den Kopf des Aales und schnitt ihn ab, nur um zu merken, dass ich Stephans Zunge in der Hand hielt. Achtlos warf ich sie in die Ecke und atmete tief durch, stieß weiter zu. Einundzwanzigmal, zweiundzwanzigmal, dreiundzwanzigmal. Ich hielt inne.

Stephan lag auf dem Boden und zuckte. Noch immer pumpte Blut aus den klaffenden Wunden. Ich vernahm ein Röcheln, dann war Stephan still. Ich schloss seine Augen und senkte, über ihn gebeugt, meinen Kopf, um ein stilles Gebet für ihn zu sprechen.

Ich erhob mich und wischte mit einem Taschentuch Blut von meinem Gesicht. Ich grinste nicht mehr, als goldenes Licht aus Stephans Wunden strömte und sich wie Schlangen um den toten Körper und meine Beine rankte. Ich verstand. Und Nye würde sich erklären müssen. Oh ja.

Der Parkettboden unter meinen Füßen vibrierte, dann bebte der ganze Raum, Kalk bröselte von der Decke. Der Strom ging aus, nur die goldenen Schlangen beleuchteten die Szenerie. Sie hoben ihre Köpfe und züngelten mich an. Ich setzte die Füße schulterbreit auseinander, ließ die Arme locker hängen. Und ich lachte. Einen Moment lang glaubte ich, Vögel zu hören. Oder einen Mückenschwarm. Dann wurde es schwarz vor meinen Augen und ich hörte auf, Alfred Wankdorf zu sein.

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Kapitel 25, erste Iteration.

Wortlos verließ ich den Raum, um in der Küche nach einem Utensil für meine Absichten zu suchen. Schnell wurde ich fündig, das japanische Gemüsemesser erschien mir angebracht. Ich ging zurück ins Wohnzimmer, wo Stephan sich bereits erhoben hatte. Er nickte mir still zu, dann kniete er sich hin.

Seine Hände lagen auf den Oberschenkeln, wie ein Karatekämpfer in einem Dojo. Er blickte mich erwartungsvoll an. Ich kniete mich ihm gegenüber und rollte meinen linken Ärmel hoch.

Stephan nickte, lächelnd. Seine braunen Augen erschienen mir gütig und verständnisvoll. Auch ich lächelte ihn an, hielt aber Tränen zurück. Abschiede waren mir noch nie leicht gefallen.

Egal.

Ich setzte die Spitze des Messers in die Unterarmfalte, bei meinem Ellenbogen. Ich drückte, aber es war nicht genug. Ich ließ meine Hand wieder sinken. Ich merkte, wie ich zitterte. Mein Kopf jedoch war leer.

Stephan nickte, lächelnd.

Ich versuchte es nochmals, ich drückte jetzt stärker. Ein Tropfen Blut schien aus der Spitze des Messers zu kommen, während ich einen leichten Schmerz spürte. Aber es war auszuhalten, viel weniger, als ich erwartet hätte. Mutiger geworden presste ich die Spitze tiefer in mein Fleisch. Ich verzog mein Gesicht, aber ansonsten blieb ich ruhig. Ich hob meinen Kopf und blickte in Stephans Augen.

Stephan nickte, lächelnd.

Ich hielt den Druck aufrecht und zog das Messer schnell meinen Unterarm entlang bis zum Handgelenk. Sofort wallte Blut auf, und ein brennender Schmerz rannte durch meinen Arm. Ich schrie auf. Als ich das Handgelenk erreichte, schoss Blut in einem hohen Bogen aus der Wunde und befleckte die Wände des Zimmers. Mir wurde übel, ich japste förmlich nach Luft. Ich suchte Halt bei Stephan, der mich noch immer anlächelte. Er hob eine Hand und legte sie auf meine Schulter, wie um zu sagen: „Es ist gut.“

Mehr Blut kam, und mit ihm Müdigkeit. Ich wusste nicht, wie lange wir so beieinander knieten, wie lange er mich mit seiner Hand stützte. Den Schmerz hatte ich bereits vergessen, als ich zur Seite sank und zusah, wie die Lache auf dem Boden immer größer wurde. Ich lächelte und dachte ein letztes Mal an das Aleph. Dann wurde es schwarz vor meinen Augen und ich hörte auf, Alfred Wankdorf zu sein.

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Kapitel 24.

Samstag.

Ich hob meine Glieder aus dem Bett und stöhnte. Heute war der letzte Tag, meine letzte Chance. Ich sehnte mich nach der Geborgenheit, die ich im Traum erleben durfte, wusste aber, dass ich sie wohl nie erhalten würde.

Oder vielleicht doch? Irgend etwas hatte sich in meinem Kopf verändert. Ich war ruhiger als die Tage zuvor, erstaunlich, wenn man an den Zeitdruck dachte. Aber ich hatte innerlich zu einem Teil mit mir abgeschlossen, mich mit der Situation arrangiert. Ich wusste, dass heute der Tag der Wahrheit war, dass es sich heute zeigen würde, wie es mit mir weiterginge. Marriage, Murder, Madness … einen der drei Wege würde ich heute einschlagen.

Ich fühlte mich leicht und auch: neugierig. Ich war gespannt zu erfahren, was heute passieren würde. Stephan wäre in ein paar Stunden hier, und ich freute mich auf das Wiedersehen. Wir hatten uns monatelang nicht mehr gesprochen, was mich verwunderte. Ich dachte an das gestrige Telefonat; es klang fast so, als ob Stephan mir eine Lösung präsentieren könnte. Vielleicht war ich deshalb so ruhig?

Egal.

Den Morgen verbrachte ich wie in einem dichten Nebel. Am Mittag stapelten sich die Töpfe in meiner Küche und das Bad sah erstaunlich sauber aus, so dass ich wohl gekocht und geputzt hatte. Daran erinnern konnte ich mich nicht. Mein Kopf war leer. Nur etwas blieb immer vor mir: dass Stephan bald kommen und mir helfen würde.

Robert sprach während der ganzen Zeit nicht zu mir. Und ich halluzinierte auch nicht, jedenfalls merkte ich es nicht, falls ich es doch tat. Ich fühlte mich bis auf meine fehlende Erinnerung zum ersten Mal in einer langen Zeit normal. Ich setzte mich mit einem Glas Wasser an meinen PC und stöberte ein wenig im Internet, während ich auf Stephan wartete.

Um ein Uhr dachte ich, dass es wohl gleich klingeln würde.

Um zwei Uhr seufzte ich. Er wurde wohl am Zoll aufgehalten.

Um drei Uhr wurde ich langsam nervös. Wo blieb Stephan?

Um vier Uhr wollte ich mir spontan einen Whisky zur Beruhigung eingießen, erinnerte mich aber an meinen Schwur, keinen Alkohol mehr anzurühren.

Um fünf Uhr zitterte ich und sehnte mir fast Robert herbei. Aber er blieb noch immer still.

Um kurz nach fünf klingelte es endlich an meiner Tür. Ich atmete auf. Stephan stürzte herein. Ich hatte ein unangenehmes Gefühl von Déjà-Vu.

„Endlich da! Entschuldige die Verspätung, aber der Zoll hat mich auseinandergenommen, dann verpasste ich den Bus, und schließlich hatten wir auch noch eine Panne.“ Er schleuderte eine kleine Reisetasche aufs Sofa und stützte seine Hände auf den Hüften ab. „Wie geht es dir? Du hast doch nichts Unbedachtes getan?“

Mir blieb die Luft weg. Ich hatte Stephan schon seit Jahren nicht mehr persönlich getroffen, daher überraschte mich sein Anblick doch ziemlich. Er hatte gehörig an Gewicht zugelegt und trug einen struppigen Bart im Gesicht. Seine Haare waren ungewaschen und strähnig, und seine Schuhe hatten schon bessere Tage gesehen. Und er roch. Nicht nach Zigaretten, sondern nach Schweiß.

Egal.

„Mir geht es den Umständen entsprechend. Und nein, ich hielt mich in Sachen Selbstmord zurück. Offensichtlich.“

Stephan nickte. „Ja, ich bin nicht wirklich überrascht, dass du das in Betracht gezogen hast.“ Stephan schien genau zu wissen, was bei mir abging. Er fragte nicht nach, weshalb ich am Handy so aufgelöst gewesen war, sondern sprach zu mir, als ob es das normalste der Welt war, sich ein Mordopfer zu suchen oder seinen Selbstmord zu planen. Endlich jemand, der mich verstand! Ich hätte ihn schon viel früher kontaktieren sollen. Weshalb hatte ich das nicht getan?

Egal.

„Möchtest du dich nicht setzen? Vielleicht etwas zu trinken?“

„Gerne. Hast Du zufälligerweise Bier hier? Ich hätte Lust auf ein Bier.“

Ich ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank, wo sich noch einige Dosen stapelten. Ich griff ich nach einem Bier für Stephan und füllte mir ein Glas mit Wasser.

„Hmm. Pils. Naja, besser als nichts. Cheers!“ sagte Stephan. Ich hob mein Glas, und wir tranken. Dann blieben wir eine lange Zeit still. Etwas bohrte in meinem Kopf, und ich fragte mich, ob Robert wohl zugegen war. Aber falls er zuhörte, dann blieb er still. Nach vielen Minuten übermannte mich meine Nervosität und ich sprach Stephan an.

„Du warst gestern am Telefon erstaunlich gut informiert, womit ich mich gerade herumschlage. Wie kommt das?“

Stephan schien vor meinen Augen zu altern. In Verbindung mit seinem schäbigen Äußeren sah er so wie ein Penner aus. Er blickte mir nicht in die Augen, als er sprach, und spielte mit seiner Bierdose herum.

„Ich hatte es dir schon vor zweieinhalb Jahren gesagt. Ich ging durch etwas sehr Ähnliches durch. Allerdings nicht so extrem wie du es tust. Ich fand andere Mittel und Wege, um mich selbst zu finden. Mittel und Wege, die dir als, hmm, Ungläubiger leider verschlossen blieben.“ Er nahm einen Schluck Bier. Es war der letzte Schluck in der Dose, und er stellte sie auf den Tisch. Ich erhob mich und holte ihm ein zweites Bier. Dann fuhr er fort. „Du weißt ja selbst am besten, wie sehr dir die eigene Zerrissenheit der Identität zu schaffen machte. Du gingst in die Psychiatrie, schlucktest Medikamente … Vor drei Jahren dann, kurz vor deinem Besuch im August bei mir, standest du plötzlich vor meiner Tür und batest mich tränenvoll um Hilfe. Naiv wie ich war – oder eher, willensschwach wie ich dich einschätzte – entschloss ich mich für den Weg des Aleph. Den Königsweg, könnte man sagen.“

Ich schaute Stephan starr an und neigte meinen Kopf zur Seite. Ich konnte mich nicht daran erinnern, vor meinem Urlaub bei ihm gewesen zu sein, noch konnte ich mich an eines Zusammenbruchs entsinnen. Stephan schien meine Gedanken zu lesen.

„Nein, mach dir keine Sorgen, dass du das nicht gespeichert hast zeigt, dass du noch immer Mensch bist. Das ist Teil dieses Weges. Der Weg des Aleph kann nicht wirken, wenn man sich dessen bewusst ist. Zu groß ist die Macht der Assoziation und der Selbsttäuschung. Und einen Placeboeffekt gibt es hier nicht. Du nahmst das Aleph an dich und fuhrst umgehend zurück in die Schweiz. Dann musste es keimen, und einen Monat später verbrachtest du deinen Urlaub bei mir in Franken. Ehrlich gesagt war ich selbst überrascht, dass du deinen früheren Besuch ausgeblendet hattest.“

Ich unterbrach ihn. „Aber Robert hat mir das Aleph gegeben. Erst vor wenigen Monaten, hier in Banbury. Wart mal …“ Ich stand auf und ging zu meiner Kommode, um die Murmel zu suchen. Aber ich konnte sie nicht finden, sie war nicht mehr da, wo ich sie abgelegt hatte. Fluchend setzte ich mich wieder hin.

Stephan lächelte zurückhaltend. „Ah, er heißt – oder besser, hieß – Robert? Hat er dir seinen Nachnamen verraten?“

„Nein, hat er nicht. Du bist nicht erstaunt darüber?“

„Nein“, sagte Stephan. „Das Aleph ist wie das kleine Sandkorn, das in eine Muschel gerät und dann zur Perle ummantelt wird. Es zieht die Anderen an. Denn auch sie wollen vollständig werden und freuen sich über jeden Suchenden, der in ihr Modell passt. Und dieser Robert hat sich offenbar dich ausgesucht.“

Ich wurde von Minute zu Minute verwirrter. Stephan schien es zu merken, seufzte kurz, und hob zu einer Erklärung an.

„Weißt du, eigentlich ist die Sache im kollektiven Menschheitsgedächtnis verankert. Kennst du nicht die Geschichten von Seelenverwandten? Menschen, die sich zufällig – ha, welche Ironie! – gefunden haben und sich wie Geschwister fühlen? Liebende, die sechzig Jahre und länger zusammenbleiben, weil es einfach stimmt, weil sie einfach zusammenpassen? Diese ‚Seelenverwandten‘“, auch er machte gerne Gänsefüßchengesten mit den Fingern, „sind mehr als nur einfach ‚verwandt‘. Sie sind Bruchstücke der eigentlichen Ur-Seele, die im Unendlichen existiert. Hast du dich nicht mit Kabbalah beschäftigt? Das Zerbrechen der Gefäße durch den Schöpfer der Welt? Das ist nichts weiter als ein Bild für die Zersplitterung der Ur-Seelen, welche durch Geburt, die Ankunft auf dieser Welt, geschieht. Und ganz natürlich ziehen sich die zusammengehörenden Teile der Ur-Seele gegenseitig an. Deshalb findet man unter Milliarden von Menschen immer auch einen oder zwei sogenannte Seelenverwandte. Es ist ein natürlicher Vorgang, so, wie sich Ionen gegenseitig anziehen.“ Ich nickte ihm starr zu, er sollte weiterfahren.

„Aber manche Ur-Seelen sind anders. Sie haben Aspirationen, ihre Teil-Seelen, Aspekte der Ur-Seele, streben nach Höherem und wandeln sich. Diese Bruchstücke sind sich dessen bewusst, was sie sind – Bruchstücke eben. Und sie streben nach Vervollkommnung, nach einer Existenz außerhalb des idealen Zustandes des Nicht-Seins. Diese Anderen verbringen Jahrzehnte, Jahrhunderte damit, die verschiedenen Aspekte der Ur-Seele zu vereinen. Und damit meine ich eine echte, vollständige Vereinigung, nicht die Ehe mit einem Seelenverwandten, sondern die Vervollkommnung der eigenen Identität. Und meistens sind sich die betroffenen Menschen dessen nicht bewusst. Andere jedoch, so wie du, fühlen die innere Zerrissenheit, spüren, dass sie nicht eins mit sich selbst sind. Das zieht die Anderen an wie Licht die Motten; das Aleph unterstützt das. Wie eine elektrische Insektenfalle.“

Ich schnaufte laut aus. „Stephan, entschuldige, aber du klingst wie einer meiner durchgeknallten Esoteriker im Verlag. Ur-Seelen, Splitter-Seelen, die Anderen … Das kannst du doch unmöglich ernst meinen!“

Stephan lächelte. „Doch, das ist mein voller Ernst. Mir ist klar, dass du dich dagegen sträubst. Gingst du nicht immer mit wissenschaftlichem Eifer an solche Dinge? Ziehst du nicht den Psychiater dem Schamanen vor? Aber sei ehrlich. Bist du wirklich von meiner Geschichte überrascht? Gibt es nicht einen Teil in dir, der daran glauben möchte, dem es logisch und realistisch erscheint?“ Er schwieg und schaute mir in die Augen. Ich senkte meinen Blick und sagte lange Zeit nichts.

Stephan hatte recht. So absonderlich, wie mein Kopf seine Geschichte fand, mein Bauch war anderer Meinung und wusste, dass Stephan die Wahrheit sagte. Aber er hatte meine spezielle Situation auch nicht erkannt.

Egal.

Ich blickte auf. „Und was soll ich tun?“

„Dich entscheiden. Drei-M, wie du immer sagst. Was soll es sein?“

Ich blickte in Stephans fahles Gesicht. Vor meinen Augen blitzte eine Tür auf, ein Schlüssel. Und Jacob. Und wusste, was ich zu tun hatte.

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Kapitel 23.

Hektisch flog ich an den ersten fünf Säulen vorbei. Ich MUSSTE weiterkommen, ich hatte nicht mehr viel Zeit. Es dämmerte bereits, als ich an der sechsten Säule ankam, aber ich wollte nicht verweilen. Vielleicht würde sich am siebten Turm ein Weg auftun, eine Möglichkeit zeigen, wie ich aus dieser vermaledeiten Situation herausfinden konnte. Ich war mir sicher, dass meine Träume etwas mit meinem Tagesleben zu tun hatten. Sicher, das ist bei allen Menschen so, aber ich sah in meinen Besuchen im Traumland eine direkte Verbindung zu den Gegebenheiten im wachen Leben. Ich sah einen direkten kausalen Zusammenhang. Diese Träume waren nicht einfach Projektionen meines Geistes, ein Versuch, mit den Problemen des vergangenen Tages kreativ fertig zu werden. Mein Traumleben war echt, vielleicht sogar echter als der Tag.

Ich überlegte mir, ob ich zur Spitze der sechsten Säule hochfliegen sollte, um mich mit Jakob zu treffen, verwarf die Idee aber umgehend. Ich wollte die siebte Säule erreichen. Also schoss ich in Richtung des nächsten Turms, welchen ich am Horizont erkennen konnte.

Es wurde wieder Nacht, und der fahle Mond erleuchtete die Landschaft. Was bisher grüne Wiesen und dunkle Wälder gewesen waren, wurde karger, felsiger. Vereinzelt erkannte ich Bäume oder Gestrüpp, schwarz vor dem silbrig-grauen Hintergrund der Wüstenlandschaft. Es war still, nur das Pfeifen des Windes war zu hören, und ich war allein. Kein anderer Träumer war in der Nähe, keine Pilger, niemand. Die siebte Säule schien nicht näher zu kommen, noch immer stand sie am Horizont, einladend und zugleich drohend. Ich runzelte meine Stirn. War ich vielleicht noch nicht bereit, sie zu erreichen? War es noch zu früh? Ich strengte mich an und spürte, wie sich etwas in meinem Kopf krümmte, als wäre da ein Muskel, der die Realität kontrolliert. Und den ich die letzten Monate trainiert hatte.

Die Landschaft unter mir zog sich zusammen, als wäre sie aus Gummi. Felsen sprangen über die wabernde Oberfläche, und die siebte Säule schoss auf mich zu, kam mit jeder Sekunde näher und näher. War es so einfach? Ein Akt des Willens? Denn ich WOLLTE die siebte Säule erreichen, mit jeder Faser meines Körpers. Ein irres Lächeln verzog mein Gesicht.

Der Turm erschien schwarz im Mondlicht, und ich schätzte, dass es noch mehr Blut sein würde. Aber ich täuschte mich. Statt Fleischbrocken und Knochen bestand diese Säule aus Millionen von Leibern, welche aneinandergebunden waren; verwesende Leiber, bedeckt von einem Teppich von Fliegen. Arm an Arm, Bein an Bein waren die Körper mit ihren eigenen Eingeweiden gefesselt, im Kreis um die Säule herum. Nein, sie WAREN die Säule, sie bildeten das Bauwerk. Welcher wahnsinnige Architekt konnte sich so etwas ausgedacht haben? Die Menschen waren schon lange tot, niemand bewegte sich, stöhnte, schrie. Männer und Frauen und Kinder, aneinandergereiht wie Panele an einer Wand. Ich würgte ob des Gestanks. Aber gleichzeitig war ich auch ruhig; ich erkannte, dass es so sein musste, dass es schon immer so war, und dass ich es schon immer geahnt hatte. Die neun Säulen waren nicht göttlichen Ursprungs, kein Zeichen des Himmels; die neun Säulen waren das Resultat des menschlichen Strebens, in Substanz und Idee das Produkt von Menschen.

Auch dieser Turm war etwas kleiner, und ich erkannte das obere Ende im Mondlicht. Ich unterdrückte den Würgereiz und flog hoch, vorbei an den aufgeschnittenen Körpern und den sich mästenden Fliegen und deren Maden. Ich erreichte bald die Spitze der Säule, und wieder war es ein Plateau, übersät mit Leichen, die mit gebrochenen Gliedmaßen ineinander verwoben waren. In der Mitte der Ebene stand, wie schon bei der sechsten Säule, eine Hütte. Ich näherte mich ihr.

Sie sah genauso aus wie die Hütte zuvor. Ich klopfte an, hörte ein „Herein“ und öffnete die Tür. Verdutzt blickte ich mich um. Ich stand wieder in einem gigantischen Vorraum, und vor dem riesigen Portal in der gegenüberliegenden Wand stand wieder ein Schreibtisch, an dem ein Mann saß, der Jakobs Zwillingsbruder hätte sein können. Ich ging auf ihn zu, und er erhob sich.

„Willkommen, Alfred. Genau zur richtigen Zeit!“

„Wer sind Sie?“ fragte ich.

„Jakob, erinnern Sie sich nicht? Sie waren schon einmal hier.“

Verdattert nickte ich. War die Hütte, das Tor, etwa von allen Säulen aus erreichbar? War die Lösung so einfach?

Jakob unterbrach meine Gedanken. „Sie werden bereits erwartet. Ich sehe, dass Sie sich schon umgezogen haben. Gut!“ Ich blickte an meinem Körper herunter und sah, dass ich unter meiner Robe einen Smoking trug. Ich zog den Stoff über meinen Kopf und überreichte ihn Jakob, der die Robe in den Schreibtisch wegpackte. Dann schritt er zum Portal und hob einen großen, schweren Riegel hoch. Die Tore öffneten sich nach innen, und ich blickte in einen Ballsaal.

Ballsaal, da war doch etwas?

Egal.

Ich schritt durch das Portal, und Jakob zwinkerte mir zu, bevor er die Türen wieder schloss. Ich hörte Kammermusik und ließ meinen Blick in die Ferne schweifen. Ich erkannte eine Gruppe von Personen, welche reglos dastand. Sie schienen auf etwas zu warten. Ich ging auf sie zu.

„Da sind Sie ja endlich!“ quiekte ein dürres Mädchen in einem schwarzen Abendkleid. Sie hatte langes, rotes Haar, und sie erinnerte mich an jemanden. Ich entsann mich meines ersten Besuches im Ballsaal – aber war sie da nicht korpulent, nein, richtig dick gewesen? Überhaupt war die ganze Gruppe ausgemergelt. Die Abendkleider und Anzüge hingen auf den Gerippen wie von Kleiderbügeln, schienen mehrere Nummern zu groß zu sein. Und alle lächelten sie mich an. Ich kam mir vor wie in einem Ossarium.

Der Scheich – Nye? – war auch da und streckte mir seine Hand entgegen. Er war nicht ausgemergelt wie die anderen, wirkte normal. Er trug einen Frack mit weißer Fliege und Weste und schüttelte mir energisch die Hand. „Endlich! Wir haben so lange gewartet. Kann ich Ihnen etwas anbieten? Champagner? Etwas Stärkeres?“

„Ein Glas Wasser wäre schön, danke“, sagte ich. Der Scheich blickte mich verdutzt an, zuckte mit den Schultern, und plötzlich hielt ich einen Kristallkelch in meiner Hand. Ich nahm vorsichtig einen Schluck, und es war tatsächlich Wasser. Ich bedankte mich und wartete. Was sollte ich hier?

Die dürre Rothaarige lächelte mich breit an. „Können Sie uns einen Tipp geben, wie es ausgehen wird? Wir sind so gespannt! So viel Spaß hatten wir schon lange nicht mehr!“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich hoffte, dass ich hier Antworten erhalten würde … ich weiß nicht weiter.“

Ein Raunen ging durch die Gruppe, und Nye hielt seinen Kopf schräg. „Aber ist der Weg nicht klar? Wissen Sie nicht, was Sie zu tun haben? Oder haben Sie Angst davor?“

Ich trank mein Wasser, musste Zeit gewinnen. Was wollten diese Gestalten von mir? Mein Blick fiel auf die Revers der Anzüge um mich herum, und wie schon bei meinem ersten Besuch steckte bei jedem ein Symbol, diese Monaden, an der Kleidung. Einige der Symbole erkannte ich, aber ich konnte mir nicht vorstellen, weshalb sich so distinguierte Menschen Agrippa von Nettesheims okkulten Symbole von Dämonen ans Kleid heften sollten.

Egal.

„Ja, ich habe etwas Angst. Ich stand knapp davor, ganz aufzugeben.“

Die Gruppe blickte mich mit weit aufgerissenen Augen an, was ihnen mit so wenig Fleisch an den Knochen nicht schwer fiel. Wieder war es an Nye, mich anzusprechen. Er lachte wie der Unterhalter auf einem Kreuzfahrtschiff. „Na, dann sind wir doch alle froh, dass Sie NICHT aufgegeben haben! Das Finale steht kurz bevor, es wäre doch schade gewesen, wenn Sie das verpasst hätten!“ Er hob seinen Sektkelch. „Ich trinke auf Sie!“ Die anderen Gäste taten es ihm gleich und prosteten mir zu. Verlegen hob ich mein eigenes Glas. Innerlich rotierte mein Hirn.

Wer waren diese Leute? Was machte ich hier? Ich hoffte auf Antworten, aber fand nur weitere Fragen vor. Jeder Moment hier verstörte mich mehr. Die Gäste erwarteten etwas von mir, aber was mochte das bloß sein? Sie schauten mich, ja, gierig an. Ich fragte mich, ob sie die unzähligen Menschen ermordet hatten, welche die neun Säulen bildeten. Es schüttelte mich, aber ich kontrollierte mich, ließ mir nichts anmerken. Ich setzte ein Lächeln auf.

„Das ist ja ein Empfang! Vielen herzlichen Dank!“ Ich nahm einen weiteren Schluck von meinem Wasser und strahlte Unschuld aus. „Eine Frage hätte ich jedoch. Wer sind Sie überhaupt?“

Die Gäste blickten sich an, dann prusteten sie vor Lachen los. Nye wischte sich eine Träne aus seinen dunklen Augen. „Nanana, was interessiert sich der Schauspieler für das Publikum? Wir wollen Ihnen doch nicht die Überraschung verderben. Aber sagen Sie, was haben Sie jetzt vor?“

Ich blickte in seine fragenden Augen, und wieder schienen sich Sterne in ihnen zu bewegen. Mir wurde schwindlig, und instinktiv griff ich nach etwas, um mich festzuhalten. Zu spät merkte ich, dass ich Nye am Ärmel gepackt hatte. Er lächelte mich kryptisch an, und seine Augen weiteten sich. Der Boden unter meinen Füßen bebte, ich schwebte wenige Centimeter über den polierten Kacheln. Immer größer wurden die Augen, bis sie mein gesamtes Sichtfeld ausfüllten. Ich sah abgründige Schwärze und vereinzelte Lichter. Das waren keine Sterne, die ich da sah. Ich war mir sicher, das waren Seelen, gefangen im Körper dieses Scheichs, auf ewig in der Dunkelheit nach einem Ausgang suchend. Und auch mich wollte er sich einverleiben, auch ich würde in seinen schwarzen Augen kreisen. Ich fiel, alles drehte sich um mich herum, und Schwärze umschlang mich wie die Arme eines Liebhabers.

Ich schrie auf, aber ich hörte meinen eigenen Schrei nicht. Die Dunkelheit hatte Substanz, eine klebrige, furchtbar warme Substanz, und ich fühlte mich eingeengt und bedrängt – gleichzeitig aber auch geborgen, als würde ich hierhin gehören. Ich wurde ruhig, akzeptierte mein Los und ließ mich in die Dunkelheit sinken, mit überkreuzten Armen, in Embryohaltung. Stimmen flüsterten in der Schwärze, als sängen sie ein Lied. Ich verstand kein Wort, aber der Rhythmus der Worte wiegte mich in einen tiefen Traum-Schlaf. Ich vergaß alles; wer ich war, was ich war, was ich wollte und was ich wusste. Ich war einfach nur ich, aber Teil des Gesamten.

Und es war gut so.

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Kapitel 22.

Für einen Moment herrschte so etwas wie Klarheit in meinem Kopf, trotz des Alkohols. Ich würde mich also umbringen. Okay. Und wie?

Pulsadern aufschneiden – ich hatte nur einen elektrischen Rasierer daheim.

Erhängen – wo? Im Wohnzimmer? Nein.

Erschießen – womit? Mit meinem Akkuschrauber?

Runterspringen – runterspringen … runterspringen … das könnte funktionieren. Banbury hatte einige hohe Gebäude, aber ich fragte mich, ob ich da um diese Zeit noch reinkommen würde. Dann hatte ich DIE Idee: Die Eisenbahnbrücke kurz vor dem Bahnhof. Genau.

Ich zog meine Lederjacke an, löschte das Licht in meiner Wohnung und machte mich auf den Weg. Angetrunken wankte ich im Licht des Halbmondes durch die Straßen. Der Mond hatte einen Hof, es würde wohl bald Regen geben. Aber das konnte mir ja egal sein. Aber wären die Straßen nass gewesen, hätte die Nacht noch mehr wie in einem Film Noir gewirkt. Schon so fühlte es sich gefährlich an, draußen zu sein. Vielleicht würde ich ja überfallen und ermordet werden? Das wäre doch auch nicht schlecht … aber ich wollte nicht zu viel Schmerz spüren, dazu war ich zu feige. Also blickte ich mich vorsichtig und immer noch sturzbetrunken um, wenn ich an einer dunklen Gasse vorbeikam, blieb im Lampenlicht und torkelte so schnell es ging zum Bahnhof. Unterwegs begegnete mir niemand, was mich überraschte – immerhin war es Freitagnacht, die Leute würden ausgehen.

Ich wusste nicht wie, aber plötzlich stand ich auf der Brücke. Unter mir verliefen die Gleise von und zum Bahnhof von Banbury, hinter mir führte eine vierspurige Autostraße über die Brücke. Aber kein Auto war zu sehen, auch kein Zug. War das alles vielleicht gar nicht echt? Träumte ich, redete ich mir dieses Erlebnis nur ein? Alkohol-initiierte Episode?

Ein Weg, das herauszufinden. Ich griff mit beiden Händen an das rostige Eisengeländer. Unter meinen Fingern brachen Flocken von Farbe ab, die auf meine Schuhe rieselten. Ich blickte hoch zum wolkenverhangenen Mond und schrie laut: „So weit ist es also gekommen! Hörst du mich, Robert? Sieh, was du angerichtet hast! Diese Scheiße ist allein deine Schuld!“

Du willst dich also umbringen, hmm?

Roberts Stimme klang ruhig und sachlich, aber auch stark gedämpft, wie aus einem anderen Zimmer. Ich erinnerte mich an die Drinks und verfluchte mich für mein Saufen. Ich würde nie wieder Alkohol anrühren. Dann fiel mir ein, dass ich mich ja umbringen wollte.

„Es bleibt mir keine andere Wahl, ich kann niemanden ermorden! Höchstens mich selbst, und das werde ich auch tun!“

Überleg dir das gut, Alfred. Selbstmord kann funktionieren, aber du hättest dann auch keinen Körper mehr. Wir müssten Jahre, Jahrzehnte warten, bis wir genug Energie aufbringen können, einen neuen Körper zu bewohnen. Und ohne Körper können wir auch nicht weitersuchen.

Ich war verwirrt. „Du willst mir das gar nicht ausreden? Und was meinst du mit weitersuchen?“

Robert lachte. Glaubst du wirklich, dass das Spiel mit dir zu Ende sein wird? Oder dass du gar der erste bist? Wir machen das schon, seit es Menschen gibt. Schon so lange suchen wir nach den fehlenden Puzzle-Stücken unserer Identität, schon so lange schütteln wir jedes mal von neuem unser Ego ab. Unser Steckenpferd hat eine lange Tradition, und wir werden es weiterführen. Wenn du dich jetzt tötest, wirst du es nur verzögern. Du kannst nicht stoppen, was du nicht in Gang gesetzt hast.

„Ich glaube dir nicht! Das ist nur ein Trick! Wenn ich tot bin, ist es aus! Ende! Es gibt kein Leben nach dem Tod, es gibt keine Geister! Die Synapsen in meinem zermatschten Gehirn werden aufhören zu feuern, und das war’s dann auch mit dir! Und davor hast du Angst!“

Robert lachte erneut. Glaub, was du glauben willst. Du wirst es ja bald besser wissen. Die emotionale Ladung der Selbsttötung ist außerordentlich stark. Du wirst gar nicht merken, wie du dein Ego abschüttelst, verdrängst, los wirst. Aber du nimmst dir so selbst die Erleuchtung. Es wird einfach anders sein als bisher, und du wirst es nicht selbst erfahren haben, was es heißt, eins zu werden. Du wirst dich nur durch uns daran erinnern können.

Mein Kopf drehte sich, mir wurde übel. Ich ging in die Knie und erbrach noch mehr Curry, Wein und Whisky. Ich wischte mit dem Handrücken über meinen Mund und war etwas nüchterner.

So ist es besser. Jetzt müssen wir wenigstens nicht mehr schreien. Bist du jetzt bereit, zuzuhören?

Ich nickte still. In meinem Inneren zog sich mein Seele zusammen, und eine tiefe Trauer kam über mich. Aber ich wollte mehr wissen, bevor ich diese Welt verließ.

Der Körper ist nicht wichtig, er ist nur praktisch. Wir brauchten eine ganze Weile, um unseren letzten Körper zusammenzufügen. Das Puzzle-Stück vor dir hatte sich auch getötet und war im Nachhinein gar nicht glücklich darüber. Nicht dass wir den Körper vermisst hätten, nein. Aber wir waren gezwungen, dich still zu beobachten, statt frühzeitig einzugreifen. Hätte dein Freund Stephan nicht den Schritt mit dem Aleph gewagt, hätte es noch länger gedauert.

„Stephan? Was hat er damit zu tun?“

Aber Robert blieb still.

Ich fühlte mich entzweigerissen. Ein Teil von mir wollte sich umgehend von der Brücke stürzen. Ein anderer Teil aber wollte wissen, was hier gespielt wurde. Ich griff wieder nach der Brüstung und blickte hinunter. Vielleicht zwanzig Meter. Würde das reichen? Oder würde ich querschnittgelähmt den Rest meines Lebens irr mit Roberts Stimme in meinem Kopf dahinvegetieren? Und was wäre mit dem Zugführer, der mich überfahren wird? Sein Leben wäre ruiniert. Ich wollte mich doch umbringen, damit ich niemandem sonst schadete …

Robert hatte Stephan erwähnt. An ihn hatte ich lange nicht gedacht. Mein letzter Anruf war vor Monaten gewesen, noch bevor ich Robert das erste Mal getroffen hatte. Ich wunderte mich darüber. Stephan war nicht nur einer meiner engsten Freunde, sondern auch in spirituellen Dingen bewandert. „Hexenmeister“, eben. Weshalb nur hatte ich ihm nichts von meinem Besucher erzählt? Weshalb hatte ich nicht umgehend angerufen, als ich das Aleph erhalten hatte? Mir schwante Übles.

Egal.

Ich zog mein Handy aus der Jackett-Tasche und wählte Stephans Nummer. Es war kurz vor Mitternacht an einem Freitagabend, vielleicht würde er daheim sein. Das Telefon klingelte dreimal, viermal; beim fünften Mal nahm Stephan endlich ab.

„Ja?“ Er klang müde. Ich hatte ihn wohl geweckt.

„Hallo Stephan. Hier spricht Alfred.“

Stephan blieb einen Moment still, dann sprach er so, als ob er sich unter Kontrolle halten müsste. Weshalb, das wusste ich nicht. „Was ist passiert? Du hast es doch nicht getan? Oh mein Gott!“

„Was habe ich nicht getan? Stephan, ich brauche deine Hilfe …“

„Du hast es also noch NICHT getan! Was bin ich froh! Alfred, wir müssen sprechen.“

„Ja, deshalb rufe ich auch an“, sagte ich irritiert.„Ich stehe hier an einer Eisenbahnbrücke …“

„TU’S NICHT!!!“ schrie Stephan ins Telefon. Ich riss das Handy vom Ohr weg. Dann, etwas gefasster: „Tu es bitte nicht. Es gibt eine andere Möglichkeit! Ach, was war ich dumm … es ist alles meine Schuld. Wie lange hast du noch?“

Stephan verwirrte mich, und ich hatte keine Lust auf Ratespiele. Eine große Hilfe war er im Moment wirklich nicht. „Wenn du meinst, wie lange es bis zum Aufprall dauert, dann rechne ich mit etwa zwei Sekunden …“

„Das meinte ich nicht! Denk darüber nicht nach! Wie lange bleibt dir noch für den Wechsel?“

Jetzt war es an mir, aufgebracht zu sein. „Woher weißt du davon? Herrgott noch mal, wenn du davon wusstest, weshalb hast du mich in den letzten drei Monaten nicht angerufen? Spielst du etwa auch bei diesem Spiel mit?“

Stephan blieb jetzt ruhig. Ich hörte, wie er mit dem Telephon durchs Haus ging. „Wie lange hast du noch?“

„Bis morgen um Mitternacht.“

Stephan schwieg einen Moment, und er tippte offensichtlich etwas an einem Computer ein. „Okay, ich kann morgen gegen Mittag in Banbury sein. Mein Flug erreicht Luton um 10:45 Uhr, dann auschecken und auf den Bus. Können wir uns bei dir treffen? Wir brauchen Privatsphäre.“

Ich stotterte, als ich ihm antwortete. „Err, ja, err, das geht in Ordnung. Etwas überraschend. Aber gut, ja, ich werde auf dich warten …“

„Gott sei Dank! Also, Alfred, geh jetzt bitte heim und versuch, nicht mehr an die Sache zu denken, bis ich mit dir gesprochen habe. Und erzähl niemandem etwas davon, dass ich kommen werde! Niemandem! Bis morgen!“

Damit hängte er auf, und ich stand in der kühlen Mondnacht. Es war noch immer weder Mensch, Zug noch Auto zu sehen, und ich fragte mich wieder, ob ich nicht träumte.

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Kapitel 21

Bea hob ihr Glas, ich tat es ihr gleich. Wir stießen an und tranken einen Schluck des Rotweins. Nicht schlecht. Chianti, 2002. Das Shepherd’s Inn hatte mich schon bei meinem ersten Besuch überrascht. Von außen sah es wie ein typisches Landgasthaus aus, aber drinnen herrschte eine gepflegte, aber nicht übertriebene Eleganz. Die Küche war kosmopolitisch – französisch, thai, englisch – und die Getränkeauswahl wohlsortiert. Neben der Bar hatte das Shepherd’s Inn nur einen weiteren Raum, wo etwa ein Dutzend kleine Tische mit weißem Leinen, Blumenarrangements und je einer Kerze standen. Wie nicht anders zu erwarten an einem Freitag, war das Lokal voll; ich war froh, reserviert zu haben.

Ich trug schwarze Cordhosen und einen schwarzen Pullover, Krawatte wurde glücklicherweise nicht verlangt. Die Entscheidung für die Kleidung fiel mir nicht leicht, aber ich dachte mir spontan, dass man auf schwarzem Stoff etwaige Blutflecken schlechter sehen würde. In meiner Hosentasche steckte ein neues Klappmesser. Ich schwitzte ein wenig, aber wenigstens halluzinierte ich nicht mehr. Ich hoffte, dass das so bleiben würde.

Es war still an unserem Tisch. Zeit für ein wenig Geplauder.

„Bea, fühlst du dich bei Widow’s Son eigentlich wohl? Ich habe den Eindruck, du bist zu gut, um nur als Assistentin zu arbeiten. Du würdest doch sicher einen besseren Job finden.“

Bea errötete. „Weißt du, Alfred, das ist nicht ganz so einfach. Ich frage mich …“ Sie schien nachzudenken. „Nein, das kann ich dir noch nicht erzählen. Es ist mir zu peinlich.“ Ihr Gesicht sah jetzt aus, als sei es aus einer Roten Bete geschnitzt.

Ich lachte. „Ach, peinlich … kann ich verstehen. Du musst es mir nicht erzählen, aber es würde mich interessieren. Verzeih mir die Frage, aber hat es vielleicht etwas mit mir zu tun?“

„NEIN!“ stieß Bea heraus. Dann, etwas ruhiger: „Nein, keine Sorge. Es ist nur … ach, weißt du, ich bin nicht so stark und robust, wie ich vielleicht auf dich wirke.“

Das klang interessant. Den Smalltalk hatten wir aber schnell hinter uns gelassen … Ich nickte ihr lächelnd zu.

„Ich habe gewisse … Probleme. Na, wer hat die nicht? Jedenfalls bin ich nicht belastbar genug, um in der freien Wirtschaft groß herauszukommen. Schon die Position als deine Assistentin ist immer wieder eine Herausforderung; die ganze Hektik, der Stress … ich sollte dir das nicht sagen. Wahrscheinlich wirst du mich jetzt entlassen.“ Sie nahm einen großen Schluck Wein zu sich.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, mach dir da keine Sorgen. Ich schätze deine Arbeit sehr, du bist mir eine große Hilfe. Wenn du private Probleme hast, mit deinem Freund vielleicht …“

„Nein, das ist es nicht.“ Sie zögerte, dann nickte sie. „Was ich dir jetzt sage, habe ich bisher nur einer anderen Person erzählt. Ich … ich höre Stimmen.“

Mein Kinn drohte, auf den schön dekorierten Tisch zu fallen, aber ich beherrschte mich. Bea schien es nicht aufzufallen, sie kam richtig in einen Fluss.

„Ich höre schon seit meiner Jugend Stimmen. Ich dachte früher, dass das meine Schutzengel wären, oder die Stimmen Verstorbener. Sie sind meistens freundlich zu mir, erzählen mir vieles, aber manchmal, besonders dann, wenn ich unter Druck stehe, werden sie bedrohlich. Stress tut mir nicht gut, dann sind sie laut. Die Medikamente helfen, aber machen mich müde. Eigentlich dürfte ich auch keinen Alkohol trinken, aber das ist mir im Moment egal.“ Sagte es und leerte ihr Glas. Ein aufmerksamer Kellner füllte unsere Gläser nach. Ich schwieg.

Sollte ich ihr von meiner eigenen Situation erzählen? Vielleicht würde sie es verstehen. Waren wir in derselben Situation? Ich entschloss mich für einen vorsichtigen Ansatz.

„Das kann ich sehr gut nachvollziehen, Bea. Danke, dass du mich ins Vertrauen gezogen hast. Vielleicht beruhigt es dich zu wissen, dass du mit diesem Problem nicht allein bist. Viele Menschen hören Stimmen oder sehen imaginäre Dinge …“

Was machst du da?

Ich ignorierte Robert. Bea starrte mich ungläubig an. Ich nickte ihr zu. „Ja, ich höre auch Stimmen. Gerade eben wieder. Und ich bin auch in Behandlung wegen meiner Halluzinationen. So, jetzt ist es raus.“

„Oh Gott, das tut mir leid. Ausgerechnet du, der du immer so pragmatisch bist.“ Sie legte ihre Hand auf die meine. „Willst du mir mehr davon erzählen?“

„Viel zu erzählen gibt es nicht. Die Stimmen sind eine relativ neue Entwicklung, aber ich sehe schon seit Jahrzehnten eigenartige Dinge, die nicht existieren. Und die mich auch in Angst versetzen.“

Stopp! Hör auf, Alfred! Du verbrüderst dich mit ihr, und dann kannst du nicht tun, was du tun musst. Du wirst ihr Vertrauter werden, sie deiner, und es wird dir noch schwerer fallen, sie zu töten!

In meinem Kopf sprach ich zu Robert: „War das nicht die Idee? Emotionale Ladung? Sollte ich sie nicht mögen? Hätte das Opfer sonst einen Wert?“

Tu, was du nicht lassen kannst. Aber schieb es nicht mehr lange auf. Nur noch etwas über einen Tag!

„Alles in Ordnung, Alfred? Deine Lippen bewegen sich.“ Bea blickte mich besorgt an.

Ich winkte ab. „Ich wies nur gerade eine Stimme ab, das ist alles.“ Ich lachte. „Du siehst, ich kann deine Situation gut verstehen.“ Ich hielt ihre Hand etwas fester und spürte, dass Bea den Griff erwiderte.

Du sollst nicht mit ihr schlafen, du sollst sie töten! Achtundzwanzig Stunden!

„Mehr Wein!“ Ich trank aus und goss mir selbst nach. Bea schaute mir kritisch zu.

„Willst du dich betrinken, Alfred?“

„Ja!“ lachte ich. „Damit ich endlich meine Ruhe habe. Cheers!“ Ich trank schnell, füllte das Glas wieder auf. Roberts Stimme wurde immer leiser, bis ich ihn nur noch als Gemurmel im Hintergrund wahrnehmen konnte. Bea lächelte mich vorsichtig an.

„Übertreib es bitte nicht. Wir haben ja noch nicht einmal gegessen, und das will ich nur ungern verpassen.“ Wie aufs Stichwort kam der Kellner, und wir bestellten. Ich nahm das rote Thai-Curry mit Reis, Bea den Blackbird Pie mit Chips. Als der Kellner mit der Bestellung in die Küche eilte, lehnte ich mich verschwörerisch vor.

„Weißt du, meine Stimmen mögen es nicht, wenn ich Alkohol trinke. Sie werden dann immer stiller, bis sie ganz verschwinden. Und gerade eben war die eine der Stimmen, die ich Robert nenne, doch sehr penetrant … ich will mich auch nicht besaufen, aber wenn es hilft …“

Bea nickte. „Das ist bei mir sehr ähnlich, auch wenn ich die Stimmen eh nur sehr leise vernehme. Aber schon nach ein, zwei Gläsern Wein oder Bier verstummen sie ganz. Deshalb pfeife ich auch auf die möglichen Wechselwirkungen mit meinem Medikament und trinke auch mal einen über den Durst. Wie heute.“

Ich hob mein Glas und prostete ihr zu. Wir verstanden uns. Ja, wir verstanden uns … Vielleicht würde sie mir bei meinem Problem weiterhelfen können? Das Messer brannte ein Loch in meine Hose, aber in mir kam die Gewissheit auf, dass ich Bea nicht töten könnte. Wir waren uns ZU ähnlich.

„Bea, deine Stimmen … verlangen sie manchmal Dinge von dir, die du gar nicht machen willst?“ Vorsicht!

„Ja, aber seit meiner Therapie nur noch sehr selten. Früher war das anders, da zwangen mich die Stimmen dazu, zum Beispiel mein T-Shirt auszuziehen oder jemanden zu beleidigen. Und was dann mit Gabriel geschah …“ Sie verstummte.

„Was war denn damit? Er hat mir nie erzählt, weshalb ihr euch getrennt habt. Er meinte nur, dass du zu verrückt für ihn bist. Ich dachte, er meint das im übertragenen Sinne …“

Bea nahm einen weiteren Schluck Wein und tupfte sich sorgfältig die Lippen ab. Dann: „Ja, unser Psychologiestudent Gabriel. Als ich ihm das erste Mal von meinem Problem erzählte, war er fasziniert. Es passte in sein Beuteschema. Er, der Meister, ich, die Schülerin. Helfersyndrom. Aber ich spürte, dass er mich nicht wirklich verstehen konnte, dass ihn mein Zustand verstörte. Und irgendwann merkte er es auch. Die Spannungen zwischen uns wurden immer größer, und wie ich schon sagte, vertrage ich Stress nicht gut. Die Stimmen wurden lauter, wenn ich mit Gabriel zusammen war, und eines Abends kam es zur Explosion. Ich habe ihn ziemlich … zusammengestaucht.“ Sie schaute mich traurig an. „Dabei war ich doch glücklich mit ihm. Aber ich war zu anders, als dass es hätte funktionieren können. Er hat mich immer nur analysiert, nicht wirklich verstanden.“

Bald darauf kam unser Essen, und wir genossen jeden Bissen. Wir tauschten Gabeln voll Pie und Curry aus und sprachen über alltägliche Dinge – das milde Wetter, der nervige Mr. Janos, die letzten Kinofilme, die wir jeweils gesehen hatten. Bea zeigte sich als intelligente Gesprächspartnerin, und ich merkte gar nicht, wie die Zeit verflog. Aber in meinem Hinterkopf spürte ich eine tickende Uhr.

Egal.

Gegen elf Uhr waren wir beide ziemlich angeheitert, wenn nicht sogar schon betrunken. Ich spielte mit dem Gedanken, Bea zu mir einzuladen, aber fürchtete mich davor, was ich ihr antun könnte, wenn wir allein wären. Ich küsste sie zum Abschied auf die Wange und wünschte ihr ein schönes Wochenende. Sie schaute mich gleichzeitig freudig und enttäuscht an, stieg in ein Taxi und fuhr fort.

Kaum war sie gegangen, fiel der ganze Abend um mich zusammen wie ein Kartenhaus. Mein Magen hob sich, ich übergab mich auf die Straße. Dann wischte ich mir den Mund mit dem Ärmel ab.

Ich war verzweifelt und wankte jammernd heim, um mir noch einen Whisky einzugießen und mich mit zu lauter Musik zu betäuben. Aber es half nichts; immer enger zogen sich meine Gedankenkreise, ich zitterte und sah nur noch Schwärze vor mir, hinter mir, in mir.

Ich konnte mich nicht mit Medikamenten ruhigstellen lassen, das widersprach all meinen Überzeugungen. Dr. Garland konnte mir also auch nicht helfen, niemand konnte mir helfen. Ich war allein mit meiner Misere, und ich hatte nicht das Zeug dazu, da aus eigener Kraft herauszufinden.

Plötzlich, wie ein Sonnenstrahl an einem regnerischen Tag, erreichte mich die Erkenntnis, der einzige Ausweg, der mir noch blieb und den ich so lange verleugnet hatte:

Ich würde mich umbringen.

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Kapitel 20.2

Es war ein warmer Tag, und ich beschloss, wie viele andere Leute auch, über Mittag ein Sandwich im Park zu essen und etwas spazieren zu gehen. Die Sonne strahlte von einem knallig grünen Himmel, vereinzelte Schäfchenwolken zogen vorbei, während ihre Schottenkaro-Muster im Takt zum Vogelgezwitscher pulsierten. Ich wusste, dass Wölkchen in der Regel nicht wie Kilts aussehen oder dass der Himmel nur selten grün ist, aber alles machte einen stimmigen Eindruck auf mich. Ich lächelte und genoss das schöne Wetter.

Ich saß auf einer Parkbank beim Teich. Einige wenige Enten schliefen auf dem Wasser, um dann von spielenden Kindern aufgeschreckt zu werden und ein paar Meter weiterzuschwimmen. Ich mümmelte an meinem Roastbeef-Sandwich und fühlte mich das erste Mal am heutigen Tag wohl. Ich dachte nicht mehr über Bea und den geplanten Mord – oder das „Experiment“, wie ich es mittlerweile nannte – nach. Ich würde es auf mich zukommen lassen und einfach abwarten, was passierte.

Ein dürrer, langhaariger Kerl marschierte um den Teich. Er wäre mir nicht aufgefallen, wäre sein T-Shirt nicht so knallig rot gewesen. Als er auf seiner Route Kurs bei mir vorbeikam, weiteten sich meine Augen. Es war kein rotes T-Shirt. Es war Blut.

Ein tiefer Schnitt schlitzte das Hemd von Bauch bis Hosenbund auf, und die klaffende Wunde blutete durch das verbleibende Gewebe. Wie konnte er so gehen? Der Mann blieb stehen, und er starrte mich an. Aber das konnte nicht sein, seine Augen waren nur rote Höhlen, ausgestochen oder von Vögeln herausgepickt. Der Mann hob seinen Arm, zeigte auf mich und öffnete den Mund. Seine Zunge war abgeschnitten, aber er gab ein schrilles Stöhnen von sich, das mir durch Mark und Bein ging.

Weg. Ich musste weg.

Ich erhob ich mich auf zittrigen Beinen und ging in Richtung Parkausgang. Ich blinzelte kalten Schweiß aus meinen Augen, rempelte so einen älteren Herrn an, und als er sich umdrehte, sah ich, dass auch er keine Augen mehr hatte. Er zeigte anklagend auf mich und kreischte. Hinter ihm sah ich weitere Personen, Männer und Frauen, welche ihre Arme hoben und in meine Richtung deuteten.

Ich rannte los.

Immer wieder sah ich einen Mann, eine Frau, ein Kind, die am Wegesrand starr und blutüberströmt herumstanden, anklagend auf mich zeigten und schrieen. Endlich am Parkausgang angekommen, war mein Weg versperrt. Vor mir stand eine Familie – mit einem Kinderwagen, mein Gott! – die im Chor aufheulte und mit schleppendem Gang auf mich zukam. Ich blickte mich voller Panik um und sah, dass eine ganze Armee von verstümmelten Menschen mit erhobenen Armen auf mich zuwankte, die Gedärme hinter sich herschleifend. Ich sank in mich zusammen und schlang die Arme um meinen Kopf, um den Lärm abzuhalten, das ohrenbetäubende Schreien und Kreischen; ich schloss die Augen, um die anklagenden Gebärden nicht mehr sehen zu müssen, und ich wimmerte.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Kann ich Ihnen helfen?“ Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter und hob erschrocken den Kopf. Vor mir stand ein Mann in einem dunkelgrauen Anzug, der mich sorgenvoll ins Auge fasste. Ich schaute ihn irr von Kopf bis Fuß an, sah aber kein Blut, keine Eingeweide. Ich schluchzte auf, brachte kein Wort heraus.

„Soll ich einen Krankenwagen rufen? Oder die Polizei? Wurden Sie überfallen?“

Ich schüttelte den Kopf und erhob mich langsam aus meiner kauernden Stellung. Ich krächzte ein „Nein – danke, es ist alles in Ordnung, ich hatte mich nur verschluckt“ und verließ den Park, so schnell ich konnte. Verwunderte Blicke folgten mir, aber ich vermied es, die Menschen um mich herum genauer anzuschauen.

Ich eilte in meine Wohnung und schloss mich ein. Den Rest des Nachmittags verbrachte ich zitternd auf dem Fußboden sitzend, an die Tür gelehnt, und ich fragte mich, ob ich denn eine andere Wahl hatte, als Bea zu ermorden.

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